In Schichten

Wie es denn wohl ist alt zu werden?

Wird es schleichend kommen oder in Schüben?

Wie es denn ist,

das Gehen und Treppen steigen,

den Garten zu pflegen und zu verreisen?

Wie es denn wohl ist sich eingestehen,

nicht mehr alles alleine zu können.

Und ob ich mich dann noch wohl fühl

in meiner Haut, in meinem Körper?

 

Ob ich dann noch immer hier sitze,

noch immer Katzen mich begleiten,

noch immer gerne fotografiere?

Ob ich dann noch immer ohne dich bin?

Einfach mit meinen Freunden?

 

Wer wird überhaupt alt mit mir,

bin ich doch meistens die Jüngste.

Das muss nichts heissen.

Ich könnte krank werden, einen Tumor bekommen,

ein Hirnschlag erleiden.

Ich könnte grad gar nicht alt werden

und viel zu früh an einem Unfall sterben.

 

Wer sitzt dann an meiner Stelle hier

und hört den Blumen zu?

Das muss mich dann nicht mehr kümmern.

Dann mache ich mir keine solchen Gedanken mehr

und schwebe irgendwo im Himmelsreich

zwischen meinen Leben.

 

Davon bin ich überzeugt,

dass wir mehrfach wieder kommen,

um zu lernen.

Zum Glück wissen wir dann nichts mehr von früheren Existenzen!

Und fangen scheinbar von vorne an.

Da bin ich mir ebenso sicher,

dass diese Neubeginner,

nur so zum Schein „neu“ sind.

In Wirklichkeit sind unsere Seelen alt

und werden immer älter.

 

Bei den Tieren ist das ähnlich.

Ich durfte, selbst für irdische Zeitmessung,

eine kurze Zeit mit einem Kater teilen,

dieser besass eine sehr alte Seele.

Er war weise ohne weise zu leben.

Sein Blick war unendlich alt.

Und hast Du je Gelegenheit,

dann blick ganz tief in die Augen einer Kuh,

die meisten sind schon ziemlich lange unterwegs

und erzählen Geschichten.

Unsere Seele durchläuft Schichten,

sie darf, muss aber nichten,

es ist ein göttliches Geschenk.

 

Wie es denn ist alt zu werden,

das werde ich selbst erleben

oder vielleicht auch nicht.

Mein Erbgut ist gesegnet,

mit sehr alten Frauen.

Mal sehen,

wohin es mich verschlägt.

 

Die Sonne treibt den Tag unterdessen in die Enge.

Ihr Licht entzieht die Schärfe,

es wird mild und mütterlich warm,

wie eine liebevolle Umarmung,

bevor die Schatten fallen

durch den Berg.

 

So könnte es am Ende meiner Tage sein.

Genau so und nicht anders.

Die Lebenskraft entweicht dann sanft

und lässt mich gehen

ins Land

meiner Vorfahren

getragen von der Wärme,

der Zuversicht,

dem Wissen,

meine Seele ist behütet

und um Erfahrungen reicher

wieder zurück in ihrem Zuhause.

 

Zuhause, das ist alt werden,

ohne Angst im Genick

mit Liebe im Herzen

zu wissen,

es ist alles gut.

 

Sabina Melchior

21. Juli 2017 / 18.17h

Unterm Apfelbaum